6.7 KiB
type, title, description, url, kapitel_pfad, ebene, reihenfolge, stand, content_hash, lizenz, trust, timestamp, tags, fussnoten
| type | title | description | url | kapitel_pfad | ebene | reihenfolge | stand | content_hash | lizenz | trust | timestamp | tags | fussnoten | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| quelle | Achtung der Individualität, Identität und Integrität | Der Staat hat ferner als Ausdruck der verfassungsstaatlichen Freiheit die Individualität, Identität sowie physische, psychische und moralische Integrität des Menschen zu achten. | https://afd-gutachten.de/gutachten/05-teil-2-rechtliche-massstaebe/01-freiheitliche-demokratische-grundordnung/01-menschenwuerde/02-achtung-der-individualitaet-identitaet-und-integritaet/ | gutachten/05-teil-2-rechtliche-massstaebe/01-freiheitliche-demokratische-grundordnung/01-menschenwuerde/02-achtung-der-individualitaet-identitaet-und-integritaet | 4 | 124 | 2026-07-25 | sha256:47745756f87fda37b10ff7633b3eb660637754c3926172ef45120f1bc929c94e | CC-BY 4.0 Gesellschaft fuer Freiheitsrechte e.V. | certified | 2026-07-25T00:00:00Z |
|
|
Achtung der Individualität, Identität und Integrität
Der Staat hat ferner als Ausdruck der verfassungsstaatlichen Freiheit die Individualität, Identität sowie physische, psychische und moralische Integrität des Menschen zu achten.1
Im Bereich der persönlichen Identität und der selbstbestimmten Lebensgestaltung richtet sich der Schutz sowohl nach innen, im Sinne eigenverantwortlicher Lebensentscheidungen, als auch nach außen, im Sinne eines Anspruchs auf individuelle Selbstdarstellung.2 Das Bundesverfassungsgericht leitet den Begriff der Selbstbestimmung zwar vorrangig aus Art. 2 Abs. 1 i.V.m. Art. 1 Abs. 1 GG ab, daneben wird Art. 1 Abs. 1 GG jedoch ein eigenständiger Schutzbereich zuerkannt.3 Aus der Menschenwürdegarantie folgt beispielsweise, dass jeder Person die Möglichkeit verbleiben muss, die eigene Vergangenheit in einer Weise zu artikulieren, die mit dem gegenwärtigen Selbstverständnis in Einklang steht.4 Darüber hinaus ist dem Staat untersagt, Bürger*innen durch Strafvollzug oder sonstige Zwangsmaßnahmen zur Preisgabe von Überzeugungen zu nötigen, die staatlich als „gesellschaftsschädlich” qualifiziert werden — ein Grundsatz, der in der Literatur als Verbot der Identitätsbrechung bezeichnet wird.5
Daneben schützt die Menschenwürde die körperliche wie auch die seelische Integrität einer Person.6 Nicht jeder Eingriff in die körperliche Unversehrtheit stellt dabei eine Verletzung des Achtungsanspruchs der Menschenwürde dar, nur besonders schwerwiegende Eingriffe fallen in den Schutzbereich.7 So beschrieb der Bayerische Verfassungsgerichtshof nur solche Eingriffe als Verletzung, die einer „apokalyptischen Verrohung” gleichkommen.8 Dies umfasst zumindest Folter, archaische Strafsanktionen und staatlichen Mord9 und schwere körperliche Misshandlungen, genauso wie systematische Ehrverletzungen10 . Aus dem Schutz der Integrität ergibt sich, dass die Menschenwürde eine Ausweisung von Personen in menschenunwürdige Zustände verbietet (Refoulementverbot).
Fussnoten
-
Wapler , in: Dreier, GG, 4. Aufl. 2023, Art. 1 Abs. 1 Rn. 68. ↩︎
-
Herdegen , in: Dürig/Herzog/Scholz, GG, Losebl. (Stand: Mai 2009), Art. 1 Abs. 1 Rn. 84. ↩︎
-
BVerfG, Urteil v. 17.01.2017 − 2 BvB 1/13, Rn. 538 f. -- NPD II . ↩︎
-
Podlech , in: Alternativ-Kommentar GG, Losebl. (Stand: Grundwerk 2001), Art. 1 Rn. 34. ↩︎
-
Podlech , in: Alternativ-Kommentar GG, Losebl. (Stand: Grundwerk 2001), Art. 1 Rn. 37. ↩︎
-
Höfling , in: Sachs, GG, 10. Aufl. 2024, Art. 1 Rn. 20 ff.; Podlech , in: Alternativ-Kommentar GG, Losebl. (Stand: Grundwerk 2001), Art. 1 Rn. 34--37; Herdegen , in: Dürig/Herzog/Scholz, GG, Losebl. (Stand: Mai 2009), Art. 1 Abs. 1 Rn. 95 ff. ↩︎
-
Besonders umstritten ist, inwiefern ein Schwangerschaftsabbruch im Rahmen der Menschenwürde zu verorten ist. Laut BVerfG kommt auch dem nasciturus bereits Menschenwürde zu, BVerfG, Urteil v. 25.02.1975 − 1 BvF 1/74 ua, BVerfGE 39, 1 (41) -- Schwangerschaftsabbruch I ; BVerfG, Urteil v. 28.05.1993 − 2 BvF 2/90 ua, BVerfGE 88, 203 (252) -- Schwangerschaftsabbruch II . Dazu bereits kritisch: Dreier , in: Dreier, GG, 3. Aufl. 2013, Art. 1 Abs. 1 Rn. 68 m.w.N. Jedoch ist der Lebensschutz nicht mit dem Menschenwürdeschutz gleichzusetzen. Siehe dazu beispielsweise Sacksofsky , Präimplantationsdiagnostik und Grundgesetz, KJ 36 (2003), 274 (281, 286); Hörnle , Menschenwürde und Lebensschutz, ARSP 89 (2003), 318 (320). ↩︎
-
BayVerfGH 1, 29 (32); vgl. dazu Baer , Würde oder Gleichheit?, 1995, S. 199. ↩︎
-
Höfling , in: Sachs, GG, 10. Aufl. 2024, Art. 1 Rn. 20; Podlech , in: Alternativ-Kommentar GG, Losebl. (Stand: Grundwerk 2001), Art. 1 Rn. 44 f. ↩︎
-
Baer , Würde oder Gleichheit?, 1995, S. 199; Herdegen , in: Dürig/Herzog/Scholz, GG, Losebl. (Stand: Mai 2009), Art. 1 Abs. 1 Rn. 95 ff. ↩︎